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Aus der Geschichte von Kirchenlamitz
Werner Bergmann
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Über den alten Schiedapaß bei Fahrenbühl gelangen um 600-630 n. Chr.
slawische Siedler in das Tal zwischen Kornberg und Epprechtstein. In
ihrer Sprache nennen sie es "Lomnitz" (sumpfiger Wiesengrund). Sie leben
vom Ackerbau und der Bienenzucht (Waldzeidelei).
Etwa 550 Jahre später (um 1150) erreichen auf dem gleichen Weg im Zuge
ihrer Landnahme fränkische Siedler das "Lomnitz"-Tal. Mit ihnen kommt
das Christentum. Der Ort, an welchem die Leute um die "Kirche" herum im
"sumpfigen Wiesengrund" wohnen, erhält später (um 1250) den Namen "Kirchenlomnicz".
Zeitgleich mit den Franken gelangen von Süden her die Bayern im Rahmen
ihrer Landnahme in das Fichtelgebirge. Das erklärt, warum nur wenige
Kilometer weiter südlich das Wunsiedler Bayerisch, hier aber das
Kirchenlamitzer Fränkisch gesprochen wird. Diese Sprachgrenze war
zugleich auch eine politische Grenze. |
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Die Burgruine Epprechtstein um 1795. Kolorierter
Kupferstich aus J.T.B. Helfrecht: "Ruinen, Altertümer und noch
stehende Schlösser auf dem Fichtelgebirge", Hof 1795. |
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Die
Burg Epprechtstein und das Dorf Kirchenlamitz bilden schon bei ihrer Gründung
wirtschaftlich eine Einheit. Ihre Herrschaftsverhältnisse führen von den
Andechs-Meraniern (um 1150-1248) über die Vögte von Weida (1248-1352)
zu den fränkischen Zollern (1352-1791), die im Jahr 1374 dem Ort Kirchenlamitz
mit seinen etwa 350 Einwohnern durch den Burggrafen Friedrich V. von Nürnberg
stadtrechtliche Privilegien nach Wunsiedler Vorbild verleihen.
Eine "Civitas" - eine Stadt - war Kirchenlamitz indes nie. Kirchenlamitz
besaß keine Stadtmauer, sondern nur drei Stadttore. Die stadtrechtlichen
Privilegien werden jedoch wiederholt bestätigt. In alten Urkunden allerdings
ist Kirchenlamitz bis 1901, wo es wirkliches bayerisches Stadtrecht erhält,
immer als Markt genannt.
Ausschließlich durch Kauf erwerben die Burggrafen von Nürnberg das Innere
des Fichtelgebirgshufeisens und teilen es in zuletzt sechs Verwaltungsbezirke
(Ämter) ein. Zusammen mit Weißenstadt, Thierstein, Selb, Hohenberg und
Wunsiedel wird das Amt Kirchenlamitz im Jahr 1613 zur Amtshauptmanschaft
Wunsiedel vereinigt. |
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Schriftzug "zu Kirchenlomnicz" aus der
Stadtrechtsurkunde von 1374 |
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Wirtschaftlich bedeutend sind die 1356 erstmals genannten Zinnbergwerke
im Norden von Kirchenlamitz. Ihr Niedergang führte zu einer sozialen
Katastrophe, zudem zerstören am Ende des Mittelalters im Jahr 1430
Hussiten die Stadt.
Im 2. Markgräflerkrieg wird 1553 die Burg Epprechtstein abgebrannt. Es
ist dies der gleiche grausame Krieg, der aus einem Religionskrieg heraus
entstand, in dem die Plassenburg zerstört und Hof belagert wird.
Überhaupt werden in dieser Zeit in Franken 170 Dörfer und 90 Burgen
völlig verwüstet. Fortan bleibt die Burg "in Ruinen liegen".
Die Verwaltung des Amtes Kirchenlamitz geschieht nun ausschließlich vom
1371 erstmals erwähnten Stadtschloss aus.
Im Jahr 1508 wird nach 14jähriger Bauzeit die Stadtkirche fertig gestellt
und sieben Jahre später kaufen Bürgermeister Zimmermann und der Rat auf
Befehl des Amtmanns Kunz Rabensteiner um 76 fl. ein Rathaus.
Markgraf Georg der Fromme (1527-1541) vollendet im Jahr 1533 die fünf
Jahre zuvor begonnenen Reformationsbestrebungen und verordnet seinen
"Landeskindern" die evangelische Kirchenlehre. Der erste nachgewiesene
evangelische Pfarrer in Kirchenlamitz war Johann Schneidewind.
1586 erteilt Markgraf Georg Friedrich (1557-1603), dessen Wappen sich im
Kirchenschiff an der Turmwand befindet, den hiesigen Bäckern ihren
ersten Zunftbrief.
Bedeutung erlangen die Mühlen, von denen die "Mittelmühle" 1517 und die
"Hasenmühle" 1607 erstmals erwähnt werden. |
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Das Siegel der Metzgerzunft im Markt
Kirchenlamitz trägt die Umschrift: S[igillum] E[ines] EH[rbaren]
H[and]W[erks] D[er] FLEISCH[h]ACKER IN MARCK KIRCHENLAMITZ |
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Im Gefolge des "Großen Krieges" (1618-1648) fordert die Pest im Jahr 1633
allein in Kirchenlamitz 42 Menschenleben. Sieben Jahre später stecken
die Kroaten sieben Häuser und das Rathaus in Brand. Im darauf folgendem
Jahr plündern schwedische Truppen die Kirche. 1643 stehen 60 Häuser leer
oder sind ganz eingefallen.
Bunt ist die Vielfalt der Handwerksbetriebe als sich stetig wandelndes
Spiegelbild ihrer Zeit: Bäcker, Büttner, Drechsler, Färber, Flaschner,
Gerber, Glaser, Lebküchner, Metzger, Nagelschmiede, Schneider,
Schreiner, Schuhmacher, Töpfer, Wagner und Weber stehen über
Jahrhunderte hinweg in hoher Blüte.
Nach dem Übergang an Preußen (1792) besuchen König Friedrich Wilhelm
III., unser damaliger Landesherr, und seine Gemahlin, Königin Luise, im
Jahr 1805 das Fichtelgebirge. Auf dem Epprechtstein erfährt der König
durch eine Reiterstafette vom Rheinübergang Napoleons. Die ganze
Tragweite dieser Nachricht wird daraus ersichtlich, dass dieser im
folgenden Jahr die Provinz Bayreuth besetzt und unter französische
Verwaltung stellt. Preußen verliert bei Jena und Auerstedt, Napoleon
zieht als Sieger in Berlin ein. Das preußische Königspaar flieht nach
Ostpreußen. Luise stirbt 1810, erst 34jährig in ihrer mecklenburgischen
Heimat. Für sie war demnach der Besuch auf dem Epprechtstein "die letzte
frohe Zeit auf Erden" gewesen. |
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Königin Luise und König Friedrich Wilhelm III. |
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1810 kommt Kirchenlamitz zu Bayern und wird bereits zwei Jahre später
Landgerichtsbezirk. 1830 und 1836 zerstören zwei verheerende Großbrände
den Ort nahezu vollständig. 1849 wird aus den Pfarreien Kirchenlamitz,
Marktleuthen, Röslau, Schönwald, Selb, Spielberg und Weißenstadt der
Dekanantsbezirk Kirchenlamitz gebildet. Das Biedermeier (1815-1848) ist
die Zeit Wilhelm Löhes (1808-1872), der 1831 als Vikar nach
Kirchenlamitz kommt, Dr. Gustav Blumröders (1802-1853), des Abgeordneten
der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 und des Apothekers Dr. Hugo
Reinsch (1808-1884). 1870 gründet sich die Freiwillige Feuerwehr und
1892 erscheint die erste Ausgabe des "Kirchenlamitzer Anzeigers". Im
gleichen Jahr wird eine "Kleinkinderbewahranstalt" errichtet und drei
Jahre später kann die neue Friedhofskirche eingeweiht werden. |
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Kirchenlamitz im Jahr 1895. Ausschnitt eines
Holzstiches von
Karl Dietrich |
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Der Ausschnitt einer alten Ansichtskarte zeigt
Kirchenlamitz um 1897 aus der Vogelschau |
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Mit dem Bau der Eisenbahn beginnt die eigentliche Entwicklung der
Granitindustrie des Fichtelgebirges. Rund um den Epprechtsteingipfel
entstehen so im Laufe der Zeit 20 Granit-Steinbrüche, unter ihnen der
weithin sichtbare, mächtige Schloßbrunnenbruch an der Ostseite des
Berges. 1897 beschäftigen die fünf Kirchenlamitzer Steinmetzbetriebe
rund 450 Mitarbeiter. Nach einer leichten Flaute erlebt die
Granitindustrie in der Zeit von 1933-1939 eine erneute Hochkonjunktur.
Nach dem 2. Weltkrieg verliert sie dann endgültig - weil zu
kostenintensiv und durch andere Baustoffe ersetzt - ihre große
Bedeutung.
15 Jahre vor Inbetriebnahme des elektrischen Lichtes wird 1898 bereits
der Telefondienst in Kirchenlamitz aufgenommen.
Bei der feierlichen Eröffnung der Fichtelgebirgsbahn fahren 1899
Magistrat und Gemeindekollegium im schwarzen Anzug und gesondertem Wagen
"auf Weißenstadt". In einem zweiten Wagen ist die Kirchenlamitzer
Stadtkapelle untergebracht, welche bis Weißenstadt ihre fröhlichen
Weisen erklingen lässt. Die Lokomotive ist mit einem Kranz rot gesottener
Krebse behangen, als Geschenk für Weißenstadt.1901 verlegt man das königliche Forstamt von Martinlamitz nach
Kirchenlamitz.
1911 wird das "Zentralschulhaus" an der Schulstraße seiner Bestimmung
übergeben und 1921 die Porzellanfabrik Oscar Schaller & Co. gegründet.
Der Aufschwung der Porzellanindustrie in Kirchenlamitz beginnt.
1926 wird ein neues Postdienstgebäude errichtet und zwei Jahre später
kann an der Schlossstraße das durch eine hochherzige Stiftung des
Privatiers Herrn Wilhelm Wilfert (1868-1933, Granitwerksbesitzer u.
Ehrenbürger) eingerichtete Krankenhaus eröffnet werden.
Beschuss und Besetzung der Stadt durch amerikanische Truppen fordern 1945
auf deutscher Seite insgesamt 37 Todesopfer. 84 Wohnhäuser,
Gewerbebetriebe und Scheunen sind zerstört, darunter auch das Rathaus
mit seinem nach 1836 neu aufgebautem Stadtarchiv. Unter dem Einfluss der
U.S.-Militärregierung nehmen die amerikanischen Sitten in vielen
Bereichen überhand.
1978 werden die ehemals selbständigen Gemeinden Dörflas, Niederlamitz,
Raumetengrün und Reicholdsgrün im Zuge der Gemeindegebietsreform in die
Stadt Kirchenlamitz eingemeindet, deren Einwohnerzahl sich dadurch um
über 1600 Mitbürger erhöht und deren Fläche sich um mehr als das 3-fache
vergrößert.
Mehr als 60 Vereine und Organisationen unterschiedlichster Coleur prägen
heute das gesellschaftliche Bild der Stadt Kirchenlamitz, die mit ca.
3.600 Einwohnern als fünftgrößte Stadt im Landkreis Wunsiedel i.
Fichtelgebirge zusammen mit Marktleuthen, Röslau und Weißenstadt ein
erweitertes Unterzentrum bildet. |
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